Von der Untugend, Tugenden zu ignorieren -
oder warum das Dojo eine Werteinsel ist
Ein Taucher, der nicht taucht, taugt nichts - sagt Ulli Stein in
einem seiner Comics. Die hier zugrunde liegende "Wahrheit" ist nicht nur
für den Comicfreund von Belang, sondern auch für den Jiu-Jitsuka, der
mit der Aufnahme des Übens im Jiu-Jitsu ebenfalls in etwas "eintauchen"
muss, um seinen Weg zu finden. Dabei ist zunächst die
Orientierungslosigkeit zu beobachten, die beim "Eintauchen" in das Neue
auftritt. Nach und nach lichten sich dann die Felder und das Dojo wird
zum vertrauten Ort des Übens. Es gibt von nun an Orientierung.
Das Sprachspiel von Ulli Stein hat aber noch eine zweite Dimension, die
für uns Budoka von großer Bedeutung ist. Das Wort "taugen" steckt darin,
ein Wort, das im Jahr 2007 der hochentwickelten westlichen Welt nur noch
am Rande - hinter vorgehaltener Hand - erwähnt wird und sich seiner
dicken Staubschicht, die sich durch Jahrzehnte des Nicht-Genutzwerdens
auflegen konnte, kaum mehr entledigen kann. Es geht um das "Taugen" -
oder genauer: die Tugend. Das Grimm´sche Wörterbuch (DTV, 1951/1991,
Band 22, S. 1559ff.) spricht hier von der "Tauglichkeit im allgemeinen
Sinne" und vom Merkmal des Ausgezeichnet-Seins, die Vortrefflichkeit
eingeschlossen."
Es kommt nicht von ungefähr, dass das vor über 100 Jahren begonnene
Grimm´sche Wörterbuch sich in 128 Seiten mit dem Tugendbegriff und
seinen verwandten Wörtern beschäftigt. Ist das Wort mit seiner Bedeutung
überholt und antiquarisch? Wohl kaum, schließlich mangelt es dem
"aufgeklärten", westlich zivilisierten Menschen durch den Wertewandel
und das Diktat der Beliebigkeit an Tugend. Blickt man als Deutscher auf
Tugenden, so stellt sich hierbei sofort die Frage nach den preußischen
Tugenden. Da Preußen 1947 aufgelöst wurde, kann man es sich leicht
machen und den Untergang der preußischen Tugenden ebenfalls für das Jahr
1947 ausmachen. Dabei ist das "Preußische" sicherlich ein kritisches
Phänomen, das Gutes und Schlechtes unter seinem Dach vereinte. Bei aller
sicherlich angebrachten Kritik sind in Preußen aber auch Tugenden und
Weltanschauungen entstanden, die sehr denen der Samurai ähneln.
Es geht also um die Frage nach der Zeitgemäßheit von Tugenden allgemein
und um die Frage nach der Zeitgemäßheit dessen, was uns die Geschichte
an preußischen Tugenden überliefert hat. Als preußische Tugenden gelten
unter anderem: Pflichtbewusstsein, Unbestechlichkeit, Sparsamkeit,
Ehrlichkeit, Haltung, Ehre, Ordnungssinn, Bildung, religiöse Toleranz
und gerechte Justiz. Preußen war ein sparsamer Staat, die Mark
Brandenburg - ein Kernbereich Preußens - ein armes und karges Land.
Preußen musste auf Werte wie Fleiß, Sparsamkeit und Bescheidenheit
setzen.
Als Preußen 1806/07 bei Jena und Auerstedt unterging, konnte sich der
Staat bei allen Reformen auch auf sein Wertesystem stützen. Japan hat
seit seinem "Mittelalter" ebenfalls viele Brüche erlebt, die Tugenden
der Samurai sind aber dennoch in der Kultur Japans präsent und üben eine
große Faszination auch auf Europäer bzw. uns Deutsche aus. Die sieben
Tugenden des Bushido lauten wie folgt: Gi: Aufrichtigkeit und
Gerechtigkeit; Yu: Mut; Jin: Güte: Rei:
Höflichkeit: Makoto oder Shin: Wahrheit und
Wahrhaftigkeit; Meiyo: Ehre und Chūgi: Treue oder auch
Chū: Pflicht und Loyalität. Schaut man sich die preußischen Tugenden
und die hier vorgestellten Tugenden der Samurai an, so fallen viele
Gemeinsamkeiten auf: Es sind Werte, welche das Leben des Einzelnen in
der Gesellschaft und das Zusammenleben der Menschen untereinander
erleichtern, und zwar durch Regeln.
Regeln sind wie das Streben nach Höherem in unserer Welt, in der ein
Motto lautet: „Erst der Spaß, dann das Vergnügen“, ebenso
langweilig wie Disziplin oder Durchhaltevermögen. Was leicht zu haben
ist, das steht hoch im Kurs. Nur keine Anstrengung! Das Dojo – und in
ihm Jiu-Jitsu – als Gegenentwurf zeigt eine Welt und eine Lebensweise,
die sich in Gegensatz zu dem seit nunmehr 30 Jahren eingebürgerten
Laisser-faire befindet. Pflicht und Ordnungssinn sowie
Gewissenhaftigkeit wurden einmal als typisch deutsche Tugenden
angesehen. Lang ist es her.
Es kommt nicht von ungefähr, dass immer mehr wertebewusste Eltern ihre
Kinder Budo üben lassen, weil im Dojo eine konzentrierte Atmosphäre
geschaffen wird, die Kinder, Jugendliche und Eltern gleichermaßen zu
schätzen wissen, weil ihr Alltag durch Reizüberflutung und aktive und
passive Grenzüberschreitung geprägt ist. Das Dojo war, ist und bleibt
das Dojo: ein Ort des konzentrierten Übens und der Besinnung. Es hat
keine Nationalität, sondern nur Menschen, die in ihm Üben und seine
Regeln und Werte leben und erhalten.
Es braucht nicht den Zwang des künstlich „Politisch-korrekten“, das
häufig von den Menschen nur oberflächlich angenommen und aus Selbst-
bzw. Imageschutz vorgegeben und vorgetäuscht wird. Im Dojo wird Technik
und Haltung im 1-zu-1-Verhältnis vermittelt. Mit der Hinwendung zur
Technik und zur körperlichen Fitness muss ebenfalls eine
geistig-moralische bzw. charakterliche Fitness entwickelt werden, die
den jungen Menschen als Ganzes erfasst und durchdringt. Inmitten einer
Welt, in der sich Regeln, Disziplin und das Streben nach Perfektion –
diese Dinge waren für den Samurai eine Selbstverständlichkeit, die sich
auch im Christentum und in allen anderen Weltreligionen als „ewige“
Werte“ wiederfinden – immer mehr als Grundlagen für menschliches
Zusammenleben auflösen, liegt das Dojo und fungiert hier als eine
„Werteinsel“ für diejenigen, die den Weg ins Dojo und danach ihren
eigenen WEG finden können. Eine sehr anspruchsvolle Aufgabe für uns
Lehrer im Jiu-Jitsu.
Volker Schwarz