„… und die Moral von der Geschicht´“ –
einige Gedanken zum ([heute] scheinbar)
unauflösbaren Widerspruch von „Bu“ und „Do“ unter Berücksichtigung des
Stufenmodells zur moralischen Entwicklung nach Lawrence Kohlberg
Ein Dilemma (griechisch: „zweigliedrige Annahme“), auch
Zwickmühle genannt, bezeichnet eine Situation, in der man zwei
Wahlmöglichkeiten hat, welche jedoch beide zu einem unerwünschten oder
nicht zufriedenstellenden Resultat führen, auch wenn beide
Wahlmöglichkeiten positiver Natur sind. Der Begriff Budo (deutsch
Militär-Weg, Kriegskunstweg, Weg des Krieges) beinhaltet bei
genauem Hinschauen zwei scheinbar gegensätzliche Elemente, nämlich das
sino-japanische Kanji (chinesisches Schriftzeichen, welches in der
japanischen Schrift verwendet wird) Bu, welches dem
alt-japanischen Takeshi entspricht und „Militär“ oder „kriegerisch“
bedeutet; das Kanji Do hat die Bedeutung des Wortes „Weg“.
Nach einer anderen Wortdeutung setzt sich das Zeichen Bu aus zwei
anderen japanischen Schriftzeichen zusammen, die so viel wie „Waffen
anhalten“ bedeuten.
Die ersten Budo-Systeme sind in Japan in der (vergleichsweise)
friedlichen Edo-Periode (1600-1868) entstanden, als die Samurai nach der
Schlacht von Sekigahara (21. Oktober 1600) nicht mehr in dem vorher
bekannten Ausmaß Krieg führen mussten und sie Zeit für das Üben und
Weiterentwickeln der Kampfkünste hatten. Wie in vielen japanischen
Künsten liegt im Budo der Sinn eher im entwickelnden Handeln,
also im Prozesshaften und Unzweckmäßigen, wie die Kirschblüte (jap.
Sakura) es wunderbar verkörpert.
Wie verhält es sich aber mit dem im „Budo“ enthaltenen Dilemma zwischen
„Kampf“ und „Frieden“? Warum soll man die „Waffen anhalten“? Neben dem
Dilemma – als würde es nicht in seiner Komplexität schon vollends
ausreichen – begegnen wir im Leben auch noch auf das Polylemma: Ein
Polylemma ist – in Anlehnung an das Dilemma mit seinen zwei
Wahlmöglichkeiten – eine Situation, in der zwischen mehr als zwei
Möglichkeiten gewählt werden kann, von denen ebenfalls keine eindeutig
zu bevorzugen ist, weil alle gleich (oder ähnlich) schlecht bzw. gut
sind. Ein klassisches Beispiel ist eine Notwehrsituation (jemand [man
selbst] wird bedroht und/oder gezwungen, sich oder andere zu
verteidigen) mit mehreren Möglichkeiten.
Erstens: Man bleibt passiv (Wertsachen abgeben etc.) in der Hoffnung,
die Situation ist damit ausgestanden. Zweitens: Man bleibt bewusst
passiv (Herausgabe der Wertsachen etc.), es kommt zu einer Folgeattacke,
bei der man sich bewusst verprügeln lässt. Drittens: Man versucht zu
deeskalieren, wobei die Deeskalation entweder gelingt oder dem
Unterfangen kein Erfolg beschieden ist: Somit kommt es zum Kampf, bei
dem man besiegt wird (= kein weiteres Dilemma) oder man siegt über den
ersten Gegner. Hierbei muss sich dann allerdings wieder die Frage
gestellt werden, ob und wie sehr man den ersten Gegner verletzen muss,
damit er tatsächlich nicht mehr aufsteht und erneut mit womöglich noch
größerer Aggression – und zwar mit Erfolg! – angreift. Somit stellen
sich jedem moralisch bewussten Budoka folgende wichtige Fragen: Was
bedeutet es (für mich persönlich), wenn ich jemanden ernsthaft verletze?
Was bedeutet es (für mich persönlich), wenn ich mich zwar an das
geltende [weltliche] Gesetz (StGB/BGB = Notwehr/Nothilfe) halte, aber
womöglich einen Menschen schwer verletzt oder sogar getötet habe?
Bei der gedanklichen Klärung oder fruchtbaren Weiterentwicklung dieser
Fragen kann das Stufenmodell der moralischen Entwicklung des Menschen
von Lawrence Kohlberg möglicherweise sehr nützlich sein. Lawrence
Kohlberg (* 25. Oktober 1927 in Bronxville, New York; † 17. Januar
1987) war Psychologe und Professor für Erziehungswissenschaften an der
Harvard University School of Education und begründete eine Theorie,
welche die moralische Entwicklung von Menschen in sechs Stufen einteilt.
Nach Kohlberg ist der Prozess der Moralentwicklung nicht zu einem
bestimmten Lebensalter abgeschlossen, sondern kann sich ein Leben lang
hinziehen – die sechste Stufe ist dabei als hypothetisches Ziel zu
sehen, das nur von wenigen Menschen erreicht werden kann. Man kann es
aber als Ziel durchaus anstreben, es findet in der Budo-Philosophie „Der
Weg ist das Ziel“ seine Entsprechung. Im Rahmen der sechsstufigen
Skala Kohlbergs fängt der junge Mensch in der ersten Stufe damit an,
sich in einer fremdbestimmten Moral zurecht zu finden, in der Gehorsam
als Selbstwert definiert wird und Bestrafung durch Autoritäten zu
vermeiden ist. Die zweite Entwicklungsstufe ist gekennzeichnet durch
Individualismus, Kosten-Nutzen-Orientierung sowie ein Denken in den
Kategorien Belohnung und Strafe. Hat der junge Mensch die dritte Stufe
erreicht, zählen Beziehungen und Konformität mit anderen Menschen, deren
Anerkennung gewonnen werden soll. Die vierte Stufe ist wiederum
gekennzeichnet durch ein soziales System, eine
Recht-und-Ordnung-Orientierung sowie die Akzeptanz von Regeln („Welche
Regeln muss ich [zum Beispiel im Dojo] befolgen?“).
Ein „Gesellschaftsvertrag“ und der Einsatz für die Gemeinschaft
definieren die fünfte Entwicklungsstufe. In der höchsten Stufe
dominieren universelle ethische Prinzipien, Vernunft und Moral sowie
Gleichberechtigung aller Menschen. Aber wie sieht es in der Praxis des
Kampfkünstlers aus? Ist das Sich-selbst-Verteidigen vereinbar mit der
„Gewaltlosigkeit“ oder nicht, und führt ein solches Streben nach
Gewaltlosigkeit in der Selbstverteidigung nicht zu ihrer
Selbstausschaltung? Tatsächlich bewegen wir uns täglich auf vielen
Stufen! Das Stufenmodell Lawrence Kohlbergs beschreibt die kognitive
(geistige) Entwicklung des sich immer wieder verändernden (jungen)
Menschen, jedoch nicht zwangsläufig auch die emotionale Entwicklung oder
die Entwicklung seines individuellen Handelns.
Angeeignetes Wissen wird nicht unbedingt in („nutzbares“) Handeln
umgesetzt. Nach Kohlberg ist es nicht möglich, Stufen zu überspringen
oder auszulassen. Niemand kann eine moralische Stufe überhaupt nur als
sinnvoll erfassen, welche um mehr als eine Stufe höher liegt als die,
die man gerade erreicht hat. Was höhere Stufen laut Kohlberg attraktiv
macht, ist, dass sie es mitunter ermöglichen, verzwickte
ethisch-moralische Probleme menschlicher Existenz erfolgreicher zu
erfassen und zu lösen. Aufgaben, in denen solche schwierigen
Problemsituationen besprochen werden, haben sich darum als sehr
erfolgreich für die Schulung erwiesen.
In weiteren Forschungen wurde die universelle Gültigkeit dieser Abläufe
bei allen Kulturen und zu allen Zeiten nachgewiesen. Zur Entwicklung
sind Dilemmata nötig. Das Erklimmen einer neuen Stufe geht damit einher,
dass die jeweilige Person mit einer Problematik konfrontiert wird, die
sie auf ihrer aktuellen Entwicklungsstufe noch nicht bewältigen kann. Um
eine Lösung zu finden, müssen demnach alte moralische Urteile
hinterfragt werden. Wird dies erfolgreich absolviert, steigt die
jeweilige Person auf die nächste Stufe auf. Das höchste Ziel innerhalb
dieser Entwicklung (bzw. Ordnung) ist die universale Gerechtigkeit
– bei Kohlberg majorisierende Äquilibration genannt. Dieses
Prinzip ist vergleichbar mit der Suche bzw. Findung von absoluter
Harmonie, die sich in der Achtung und dem Schutz jeder Form von
Leben und den Menschen mit ihren unterschiedlichen Lebensformen
manifestiert.
Ob Ritter, Samurai, Söldner, Soldat, Polizist oder auch Budoka – wir
stehen immer der Frage des Ausübens oder Erleidens von „Gewalt“
gegenüber. Das Leben eines Samurai war bestimmt durch Pflicht und
Gehorsam, denen er sich – auch bei einer anderen Auffassung von „Sinn“
oder „Unsinn“ seiner Aufgaben buchstäblich zu beugen hatte. Die Achtung
des Lebens war sicherlich in der Theorie ein sehr hoch zu schätzendes
ideelles, religiöses und ethisches Gut, dem die Samurai bzw. Ritter
ernsthaft nacheiferten. Dagegen spricht allerdings die im Alltag
anzutreffende Pflicht des Samurai (bzw. Ritters), auf Befehl bzw. in
Ausübung des „Berufs“ Krieg führen und töten zu müssen, um
möglicherweise andere Menschen (der eigenen Partei bzw. des eigenen
Lagers) vor dem Tod durch andere Krieger, die ihrerseits vor dem
gleichen (unlösbaren) Problem standen, zu bewahren. Hier gab es kein
„Richtig“ oder „Falsch“, sondern lediglich ein Dilemma.
Da die in dieser Arbeit vorliegenden Betrachtungen keine abschließende
Lösung dieser Probleme bereit stellen können, auch nicht dürfen, und
somit nur anregenden Charakter haben, müssen die folgenden Gedanken in
Gestalt von weiterführenden Fragen einfließen, um das Weiterdenken
erleichtern zu können.
Es bleibt jedem überlassen, damit kreativ umzugehen und sich selbst und
seine Identität als Jiu-Jitsuka bzw. Budoka in dieser Hinsicht
einmal zu überprüfen. Kann man – vor dem Hintergrund der Annahme, dass
die Geschichte der Menschheit auf einer Makroebene („Steinzeitmenschen“
bis zu den allgemeinen Menschenrechten, UNO etc.) ähnlich wie die sechs
Stufen von Kohlberg auf einer Mikroebene verläuft – davon ausgehen, dass
damit auch die Geschichte der Kampfkünste bis zum heutigen Tag einer
vergleich-baren Entwicklung unterworfen ist bzw. sein wird? Was folgt
daraus für das Üben des Jiu Jitsu/Budo (vgl. Mondo) und welche Aufgaben
mit welcher Verantwortung für sich, die Schülerinnen und Schüler sowie
für ihre Kampfkunst und ihren Erhalt bzw. ihre Weiterentwicklung haben
die Lehrer des Budo/Jiu Jitsu?
Leben heißt, sich zu wandeln; und vollkommen sein heißt, sich oft
gewandelt zu haben. (J. H. Newman)
Volker Schwarz