Ende Mai ist es soweit – die
Deutsche Jiu Jitsu
Meisterschaft 2010 in Mülheim an der Ruhr wird eröffnet. Wettkämpfer aus
ganz Deutschland treffen sich am Wochenende vom 29./30. Mai 2010, um sich in
den verschiedensten Kategorien auf nationaler Ebene mit anderen Kämpfern zu
messen. Während das Motto der Olympischen Spiele „Citius, altius, fortius“
(schneller, höher, weiter) heißt, ist die Frage, wie wohl das Motto einer
Deutschen Meisterschaft im Jiu Jitsu lauten könnte.
Wer einmal die alle zwei Jahre stattfindenden Deutschen Jiu Jitsu
Meisterschaften verfolgt hat, weiß, wie sehr die Kämpfer auf den Ausbau der
Schnelligkeit ihrer Bewegung und Reaktion hin trainiert haben, wie hoch der
eine oder andere Wurf sein kann und wie weit man es – nicht nur im
symbolischen Sinne – durch hartes Training schaffen kann, schließlich heißt
es doch, dass es ohne Fleiß keinen Preis gibt. Der Erfolg des Einzelnen oder
des Teams ist eng an die eigenen Leistungen und an die Leistungen der
ausbildenden Lehrer geknüpft. Eine Medaille ist immer ein doppelter Erfolg:
für den, der sie „holt“, und gleichermaßen für den, der ausgebildet,
korrigiert, mit richtigem Druck kritisiert und motiviert hat.


Neben der Ausbildung bzw. dem Training der Wettkämpfer ist die Aus- und
Fortbildung der Punkt- und Mattenrichter enorm wichtig, denn was nützt die
beste Leistung, wenn Benotung und Bewertung nicht angemessen und von
höchstmöglicher Objektivität bestimmt sind? Somit sind nicht nur die
Wettkämpfer gründlich auf die Meisterschaften vorbereitet worden, sondern
auch die Punkt- und Mattenrichter haben dies im Vorfeld getan.
Während schon am 13. Februar 2010 in Essen beim
TBF Bushido
Frintrop der erste vorbereitende Lehrgang für die DM 2010 stattgefunden
hatte, wurde einen Monat später am 13. März 2010 im gleichen Dojo auf dem
Punktrichter-Lehrgang die „Marschroute“ für die DM 2010 vorgegeben, die
aktuellen Neuerungen und Veränderungen vorgestellt und anhand von
praktischen Beispielen dargestellt. Vor allem der Ablauf und die aktuellen
Wettkampfregularien waren noch einmal zu vertiefen.

Die Wettkämpfe des DJJB sind mit Ausnahme der Kategorie „Bodenkampf“ keine
direkten Konfrontationen zwischen den Athleten, sondern ein technischer
Vergleich, da Jiu Jitsu in erster Linie reine Abwehrtechniken beinhaltet.
Thema des zweiten Lehrgangs zur Vorbereitung der DM 2010 war vor allem die
Abstimmung einheitlicher Bewertungskriterien. Angesichts der Vielzahl von
Kategorien und Altersklassen ist es von Meisterschaft zu Meisterschaft
notwendig, unter Einhaltung höchstmöglicher Transparenz die
Bewertungskriterien zu aktualisieren. In der Kategorie „Random Attack“
treten beispielsweise zwei Athleten mit ihren Partner gegeneinander im
Vergleich an. Dabei führt der Partner einen ihm vorher bekannt gegebenen
Angriff aus, der dem zu bewertenden Verteidiger jedoch unbekannt ist. Aus
diesem Grund wird von den Punktrichtern die Reaktion auf den unbekannten
Angriff, die Schnelligkeit und Dynamik sowie die Sauberkeit des technischen
Vortrags gewertet.
Besondere Bedeutung kommt diesen Bewertungskriterien bei der Abwehr eines
Angriffs mit einer Waffe (Kurzstock oder Messer) zu. Vor den Erfolg
haben die Götter den Schweiß gesetzt, heißt es. In der Kategorie
„Bodenkampf“ steht nicht nur der Aspekt der Selbstverteidigung, sondern das
Üben des regelhaften Kampfes mit einem Gegner am Boden im Vordergrund.
Hierbei zeigt sich, dass Bodenkampf ein auf Technik, Geschmeidigkeit und
Taktik basierender Kampf ist, an dessen Ende immer ein Sieg steht. Doch wie
kommt dieser „Sieg“ zustande? Abklatschen, Hebel, oder gar durch das Würgen?

Hier hat der Deutsche Jiu Jitsu Bund klare Richtlinien für unterschiedliche Kategorien (vor allem Altersklassen betreffend) entwickelt, welche die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen (und Erwachsenen) über alles stellen. So genannte „verbotene Techniken“, auf die besonderes Augenmerk zu richten ist, dürfen keinen Einzug in den Wettkampf finden, damit Fairness auf der Matte wirken kann. So sind in der Kategorie A (Kinder 10 bis 13 Jahren) Griffe mit der Hand oberhalb der Schultern (Hals- und Kopfbereich) zur Befreiung aus einem Haltegriff verboten. In den Kategorien B (14 bis 17 Jahre), C (18 bis 34 Jahre) und D (ab 35 Jahren) sind direkte Griffe mit der Hand ins Gesicht (Augen, Nase) verboten. Erlaubt sind hingegen Griffe zur Stirn oder zum Kinn. In diesen Kategorien sind Druckpunkte grundsätzlich erlaubt (Beine, Oberkörper, Arme, Hals), jedoch alle Druckpunkte oberhalb des Halses sind verboten.

Da bei den Übungskämpfen erhebliche Kräfte zum Einsatz kommen, die den
ungeübten Bodenkämpfer und sein Gegenüber bei unkontrollierter Ausführung
der Techniken schädigen können, ist hier der Respekt vor dem Gegner und der
Gedanke der Erhaltung – keinesfalls der Schädigung! – der Gesundheit des
Gegenübers vorrangig und spiegelt so den Geist des Budo wider. Somit ist es
möglich den Gedanken des sportlichen Wettkampfs mit dem Gedanken der
Kampfkunst Jiu Jitsu zu verbinden. Dies ist Ziel der Qualitätssicherung und
kommt vor allem den Wettkämpfern zugute, weil das Verletzungsrisiko
unbedingt minimiert werden muss. In der Kategorie „Pairs“ treten die
Wettkämpfer als Paar gegeneinander an, im Team als Gruppe. In einem zeitlich
festgelegten Rahmen müssen Paare bzw. Teams ein selbst entworfenes Programm
(eine Choreographie) aus verschiedensten Angriffen und Abwehrtechniken
präsentieren.
Die Leistungen werden jeweils im technischen Vergleich zueinander bewertet.
Doch welches ist nun das Motto, welches man den Jiu-Jitsuka als Wettkämpfern
– in bester „olympischer Tradition“ – mit auf den Weg geben kann? –
Vielleicht eins, das so alt ist wie das Streben der Menschheit selbst,
geboren aus dem tiefen Drang, nie damit aufzuhören die (eigenen) Leistungen
immer wieder ein Stückchen zu verbessern: Per aspera ad astra.
(Durch die rau(h)en Anfänge zu den Sternen.)
Text: Volker Schwarz, Andreas Dolny
Photos: Volker Schwarz, Andreas Dolny, Sabine Ringleb und Sven Harder