20. Internationaler Lehrgang in Otterbach 2010 – Feuer und Flamme für das Jiu Jitsu

Die Pfalz im März, das heißt immer auch: Internationaler Jiu Jitsu Lehrgang in Otterbach. Der diesjährige Lehrgang, der am 6./7. März 2010 stattfand, war für alle teilnehmenden Budoka von außergewöhnlicher Bedeutung und ein besonderer Höhepunkt, und zwar in zweifacher Hinsicht.
Nur wenige erinnern sich an den ersten Internationalen Jiu Jitsu Lehrgang, der in Otterbach im Jahre 1991 stattfand. Wie man schon der Jahreszahl entnehmen kann, feierte der Lehrgang in diesem Jahr sein Jubiläum. Denjenigen, die Tradition für verstaubt und veraltet halten, sei gesagt: Tradition ist angesagt, ist „in“ und viel moderner als man denkt, wie das Wort „Tradition ist nicht das Aufbewahren der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme“ es kaum besser ausdrücken könnte.
Das gilt auch für Tausende von Jiu-Jitsuka (Budoka), die hier über die Jahre – ja schon Jahrzehnte – in unzähligen Begegnungen und Bewegungen ihren Zugang zur Kampfkunst gefunden oder ausgebaut haben. Die Ausrichter vom Zen-Bogyo-Do Otterbach hatten in den letzten 20 Jahren immer viel zu tun: Es müssen Lehrer eingeladen oder die Halle angemietet werden. Ein Programm für den Lehrgangsteil auf der Matte und die Zeit abseits der Matte ist ebenfalls für einen erfolgreichen Ablauf eines Lehrgangs unverzichtbar, wenn er das Zeug zum Traditionslehrgang haben will, ein Abendbuffet mit Fete seien hier als herausragende Highlights genannt.
Auch die Übernachtung und der Aufenthalt in der Verbandsgemeinde Otterbach im Landkreis Kaiserslautern in Rheinland-Pfalz mit seinen vielen malerischen Orten ist immer wie einer Kurzurlaub. Diejenigen, die im Blauen Haus in der Nachbargemeinde Otterberg gegenüber der Abteikirche – dem größten Sakralbau der Pfalz nach dem Speyerer Dom – übernachtet haben, wissen, was gemeint ist. Hier ist Geschichte zum Greifen nahe.
Auch das im Jahre 1612 auf den Grundmauern eines Klostergebäudes erbaute Blaue Haus kann viel von vergangenen Zeiten erzählen. Die „Otterbacher“ um Harald Westrich waren auf jeden Fall auf dem richtigen Weg, denn sie sie haben anspruchsvolles Jiu Jitsu (Budo) mit Gastlichkeit, Freundlichkeit, Spaß, Freude und Freundschaft in eine Form gegossen, die immer am ersten Wochenende im März – wenn der Frühling mit seinen Sonnenstrahlen zum ersten Mal zaghaft durch die Wolken blickt – aufs Neue ihre Anziehungskraft entfaltet. Diese Form heißt „Otterbach“. Wer nach Otterbach zum Internationalen Lehrgang reist, erfährt auf der Matte, was international bekannte Großmeister und Meister lehren. Ob Jiu Jitsu, Ju Jutsu, Goshindo oder Ju Jutsu Do – auch in diesem Jahr war wieder etwas aus der faszinierenden Welt der Kampfkunst für alle von Klein bis Groß dabei.
Das Jubiläum des Lehrgangs war allerdings mit einem lachenden und einem weinenden Auge zu sehen, zum Einen, weil der Lehrgang mittlerweile zu einer festen Institution im Jiu Jitsu geworden ist und zum Anderen, weil unser Bundestrainer Dieter Lösgen (10. Dan Jiu Jitsu) nach vielen Jahren der aktiven Teilnahme als Lehrer und Meister zum letzten Male auf dem Lehrgang unterrichtete, nachdem er bei allen Otterbacher Lehrgängen für die Schüler auf der Matte stand. Manch ein Jiu-Jitsuka (Budoka) hat auf dem ersten oder zweiten Lehrgang als Gelb- oder Orangegurt bei Dieter Lösgen gelernt und geübt und heute nach knapp zwanzig Jahren ist er in der Schwarzgurtgruppe und übt bei Dieter Lösgen, nun aber als Dan-Träger.

   


So war es auch Harald Westrich und den Mitgliedern des Zen-Bogyo-Do Otterbach – den Ausrichtern des 20. Internationalen Lehrgangs in Otterbach – ein besonderes Anliegen, Dieter Lösgen – sein Name ist weithin bekannt – zu ehren. Doch der Name Dieter Lösgen steht nicht nur für höchstes Niveau, sondern auch für Tradition. Was es bedeutet, seit knapp 58 Jahren auf der Matte zu stehen und ein halbes Jahrhundert Woche für Woche Jiu Jitsu zu unterrichten – das ist kaum vorstellbar. Am Ende des ersten Lehrgangstages hatte Harald Westrich, der übrigens seit Anfang des Jahres Bürgermeister der Verbandsgemeinde Otterbach ist, für Dieter Lösgen eine Überraschung parat, denn nach dem Abgrüßen erhielt unser Bundestrainer aus den Händen von Harald Westrich einen Bildband, in dem das letzte Jahrzehnt seines Wirkens – national und international – festgehalten wurde. Für alle Anwesenden wurde im Anschluss daran auf der Matte eine Leinwand mit Beamer aufgebaut, um einen filmischen Streifzug durch die letzte Dekade seines Schaffens und Wirkens für das Jiu Jitsu in „bewegten Bildern“ genießen zu können.

Der kreative und kunstvoll gestaltete Film wurde Dieter Lösgen mehr als gerecht, denn er gab einen kleinen aber unverwechselbaren Einblick in das, was man als absolute Hingabe für die Kampfkunst Jiu Jitsu bezeichnen kann. Die Kapitel im Film trugen daher Überschriften, die genau charakterisieren, was man mit dem Namen Dieter Lösgen verbindet: Tradition, weil er seit mehr als einem halben Jahrhundert die Flamme des Jiu Jitsu – dort, wo sie ihr Licht entfaltet: im Dojo – in Händen hält. Meisterschaft, weil er sich nicht nur früh zur Meisterschaft hin entwickelt hat, Meister ausgebildet hat und Meister der Meister ist, sondern weil er allen vom Mon-, Kyu- bis hin zum Dan-Grad Orientierung bietet. Mensch, weil er trotz seines großen Wissens und Könnens niemals den Kontakt zum Jiu Jitsu (Budo) bzw. in bildlicher Hinsicht zur Matte verloren hat. Vorbild, weil seine Haltung auf und abseits der Matte stets andere Jiu-Jitsuka und Budoka andauernd dazu anhält, seinem Beispiel zu folgen und intensiv an sich zu arbeiten, um das Beste zu erreichen. Individualität, weil seine Techniken, Bewegungen – ja, seine ganze Art – nur einmal in der Welt anzutreffen sind. Perfektion, denn, wer ihn jemals in seinen Techniken erlebt hat, weiß, was es heißt, immer wieder das Eisen zur höchstmöglichen Güte zu schmieden. Begeisterung, dies ist ebenfalls eine seiner Stärken, die seiner charismatischen Persönlichkeit entspringt, und zwar als Begeisterung für das Jiu Jitsu, die dann als solche als Begeisterungsfähigkeit für Jung und Alt ihre Wirkung entfalten kann. Inspiration, denn Dieter Lösgen ist in seiner Schaffenskraft seit Jahrzehnten nicht nur eine international bekannte Autorität auf der Matte, sondern er ist Quell der immer wieder stattfindenden Wiederentdeckung des Jiu Jitsu – an der Schnittstelle zwischen Tradition und Moderne. Domo arigato Dieter Lösgen!
Mit der Tatsache, dass der 20. Internationale Lehrgang in Otterbach somit ein vielschichtiger Jubiläumslehrgang war, wurde ebenfalls die Messlatte sehr hoch gehängt und die Erwartungshaltung war entsprechend. Wer nach Otterbach – in die Stadt der flinken Otter – gereist war, sollte aber nicht enttäuscht werden; im Gegenteil, denn die anwesenden Referenten konnten auch im Jubiläumsjahr wieder die Jiu-Jitsuka von Klein bis Groß, von Jung bis Alt und von Weiß bis Schwarz in ihren Bann ziehen. Neben Dieter Lösgen (10. Dan Jiu Jitsu) und Josef Djakovic (7. Dan Jiu Jitsu) – die beide ihren Wirkungsschwerpunkt in NRW haben – faszinierten auch Achim Hanke (7. Dan Ju Jutsu), Alain Sailly (7. Dan Goshindo) und Andreas Güttner (5. Dan Ju Jutsu Do) die Teilnehmer.

Dieter Lösgen demonstrierte u.a. Abwehren gegen Angriffe mit dem Kurzstock. Aus unterschiedlichsten Positionen zeigte er einen Reigen von Alternativen und Variationen zu den üblichen Standardtechniken, und zwar sowohl im freien Raum als auch an der Wand. Josef Djakovic, ebenfalls mehr als 35 Jahren auf der Matte, unterrichtete schwerpunktmäßig, auf Wunsch des Ausrichters, Techniken, die sich mit der Abwehr von Faust- und Schlagangriffen beschäftigten. Es sind solche Angriffe, die man nach dem Block nicht zu fassen bekommt, weil der Angreifer seinen Schlagarm augenblicklich zurückzieht. Die Konzentration auf diese Techniken war der Tatsache geschuldet, dass Jiu Jitsu realistische Selbstverteidigung und Tradition in sich vereint. Traditionell steht am Ende einer jeden Lehrgangseinheit das Abgrüßen, bei Dieter Lösgen und Josef Djakovic als Repräsentanten des DJJB LV NW e.V. konnte man jeweils an der Intensität des Applauses ablesen, dass es den Teilnehmern sehr gut gefallen hat.
Die hohe Qualität des Lehrganges in Otterbach wird sich sicherlich darin widerspiegeln, dass einige der hier gezeigten Techniken den Weg in das technische Repertoire der Teilnehmer an den Deutschen Jiu Jitsu Meisterschaften gefunden haben werden. Alle zwei Jahre veranstaltet der Deutsche Jiu Jitsu Bund (DJJB) die Deutschen Jiu Jitsu Meisterschaften, in diesem Jahr finden sie am 29./30. Mai 2010 in Mülheim an der Ruhr statt. Hier trifft man dann auf die Wettkampfkategorien Random Attack (Zufallsangriff), Pairs (Zwei-Mann-Demonstration), Kata, Bodenkampf und Team.
Nach zwei ebenso lehrreichen wie anstrengenden Tagen ging der 20. Internationale Lehrgang in Otterbach zu Ende und die angereisten ca. 330 Teilnehmer machten sich auf, das Erlernte in das heimische Dojo mitzunehmen und noch einmal gründlich zu vertiefen. Vor dem Abgrüßen stand noch die der Übergabe der Lehrgangsgeschenke – bezeichnenderweise Öllampen, die seit Jahrtausenden in vielen Kulturen Licht spenden! Es folgten Dankesworte an die Lehrer und Teilnehmer des Lehrgangs. Dieter Lösgen betonte zum Schluss, dass der Erfolg von „Otterbach“ in der Harmonie von Lehrern und Schülern liege, die er mit großer Freude in den vergangenen 20 Jahren in Otterbach miterleben durfte. Vielen Dank an die Lehrer, den ausrichtenden Zen-Bogyo-Do mit Harald Westrich und seinem Team für diesen 20. Internationalen Lehrgang in Otterbach, auf dem alle mit „Feuer und Flamme“ mitgemacht haben...

Andreas Dolny, Volker Schwarz