Wissen, das sich nicht täglich vermehrt, nimmt ab, heißt es in einer
chinesischen Weisheit. Dieser an sich uralte Gedanke ist insbesondere in einer
Zeit, in der Menschen zwischen Infos, Halbwissen und Informationsfragmenten hin
und her „switchen“ (müssen) ein Gesellschaftsspiegel, in dem wir unser Handeln
und Streben sehen können.
Das Ziel darf nicht das Halbwahre, das Halbfertige oder das Halbwissen sein.
Nein, als Ziel ist das Ganze: Wissen und Wahrheit bzw. Wahrhaftigkeit
anzustreben. Dieser Weg ist sicherlich der schwerere. In der Prüfungsordnung des
Deutschen Jiu Jitsu Bundes (DJJB) sind die Anforderungen an die Prüfungen im Jiu
Jitsu genau festgelegt. Prüfungen gewährleisten die Beibehaltung eines hohen
Qualitätsstands des Jiu Jitsu.
Das Prüfungswesen im DJJB harmoniert mit diesem wertvollen Anspruch und verlangt
daher von jedem Prüfer den regelmäßigen Besuch von Prüferlizenz-Lehrgängen. In
diesen werden turnusmäßig wesentliche Elemente des Prüfungswesens wiederholt und
aktualisiert. Am Samstag, den 12. Juni 2010 fand im Dojo des
TV 1871 Hohenlimburg e.V. unter der Leitung von Gerhard Dressler (5. Dan Jiu
Jitsu) der erste diesjährige Prüferlizenz-Lehrgang statt, um die Anwesenden im
Rahmen der vierten Staffel der Prüferlizenzlehrgänge hinsichtlich des Prüfens,
Bewertens und Benotens auf den neusten Stand zu bringen.


Alle Mon-, Kyu- und Dan-Prüfungen im DJJB werden vom Referenten für
Prüfungswesen, Bernd Kampmann (6. Dan Jiu Jitsu), dokumentiert und
regelmäßig überprüft. Dies sichert die hohe Qualität von Lehre und
Prüfungswesen im DJJB, damit das gemeinsam gepflegte „Pflänzchen Jiu Jitsu“
nie an Kraft verliert – ein bisschen Pathos angesichts der Dominanz des
Fußballs in diesem „Fußball-Sommer“ im WM-Land Südafrika und in allen
anderen Ländern dieser Welt sei hier erlaubt.
Bei seiner „Rundreise“ durch das Prüfungswesen des DJJB lud Gerhard Dressler
die Anwesenden nach der kurzen Vorstellungsrunde zunächst zu einem offenen
Erfahrungs- und Gedankenaustausch ein. Hierbei stellte sich heraus, dass das
Prüfen keine Angelegenheit ist, die man von Anfang an perfekt beherrscht.
Man lernt vielmehr durch das Prüfen selbst die „andere Seite“ des Jiu Jitsu
kennen – aus der Position des Prüfenden wird manche Sichtweise deutlicher
erkennbar und auch die anspruchsvolle Aufgabe des Prüfens erscheint in einem
anderen Licht. Wieviel organisatorischer Aufwand hinter einer Prüfung
steckt, das zeigt sich immer dann, wenn man zum ersten Mal eine Mon- oder
Kyu-Prüfung in eigener Regie durchführt: Der Prüfer muss, wenn er in der
Doppelfunktion als Lehrer/Prüfer fungiert, diesen Aufwand neben seiner
eigentlichen Prüfertätigkeit bewältigen können. Es müssen Räumlichkeiten
vorhanden sein, die Einweisung möglicher Fremdprüfer hinsichtlich des
Leistungsstandes der Schülerinnen und Schüler muss erfolgen und notwendige
Formalitäten sind zu erledigen, aber auch die Atmosphäre im Dojo muss
stimmen, da es sich vor allem um einen Ort des konzentrierten Übens handelt,
der für alle Anwesenden als angenehm angenommen werden sollte.


Doch beim Prüfen geht es nicht nur um die Handlung des Prüfens selbst – also
die „Beförderung“ des Prüflings –, sondern auch um die Entwicklung des
Prüfers, der mit jeder Prüfung reift und mit den Jahren vom Anfänger zum
erfahrenen Prüfer avanciert. Von Prüfung zu Prüfung wird das Prozesshafte
des Ganzen immer mehr deutlich und die Unsicherheit weicht der zunehmenden
Sicherheit beim Prüfen, was Beurteilen, Bewerten und Benoten angeht. – Im
Verlauf des lebendigen Gesprächs kam es zu einem mutigen Austausch von
Erfahrungen. Gerhard Dressler konnte sich als Lehrgangsleiter über die
Motivation seiner Lehrgangsteilnehmer nur freuen, denn der Theorieteil wurde
zu einem „Selbstläufer“, wobei alle wichtige Inhalte des Prüfungswesens wie
die Bedingungen für die Teilnahme an einer Prüfung, etwa die Altersgrenze
bei Kindern sowie spezielle Fragen zur Prüfungsordnung im Dialog besprochen
wurden.
Auch eine konstruktiv-kritische Reflexion der letzten beiden Dan-Prüfungen
schloss sich an. Da jede gut geplante Veranstaltung gemäß dem Gedanken von
Yin&Yang Spannungs- und Entspannungsmomente aufweisen sollte, war auch
dieser Lehrgang sowohl von konzentriertem Arbeiten als auch von humorvollen
Phasen geprägt. Im zweiten Teil des Lehrgangs gingen die Teilnehmer ins Dojo
des TV 1871 Hohenlimburg, wo der Lehrgangsleiter Gerhard Dressler bereits
mit praktischen Aufgaben wartete. So wurden an die Teilnehmer
Arbeitsaufträge ausgegeben. Ziel war es, zu Haarzugangriffen und
„Situationen an der Wand“ einerseits Standardtechniken zu üben und sich
andererseits unkonventionelle Abwehrtechniken als Antwort auf eine
„Überraschung“ auszudenken, die dann im Anschluss kurz präsentiert und in
der Gruppe gemeinsam besprochen werden sollten. Gesagt, getan – die
Teilnehmer waren eifrig bei der Sache, schnell war die Vorbereitungszeit
verstrichen und man sammelte sich im Kreis.
Für die Anwesenden war dieses Verfahren im Praxisteil ein willkommener
Anlass, sich einfach auf die Bewegungsfolgen und -alternativen der Anderen
im Dojo einzulassen und Neues auszuprobieren; schließlich bot der Lehrgang
den Danträgern die Gelegenheit, wieder einmal im freundschaftlichen
Miteinander vom Gegenüber zu lernen, und zwar in einer sehr guten
Atmosphäre, welche gleichermaßen von Konzentration und guter Laune geprägt
war. Nach einer abschließenden Reflexion fuhren die Teilnehmer zufrieden
nach Hause. Ein Dank geht an den Lehrgangsleiter Gerhard Dressler für den
gelungenen Lehrgang im Spannungsfeld zwischen Lehren und Lernen.

Andreas Dolny, Volker Schwarz