„... und so behauptet von allen Seiten die Natur ihre schrankenlose Willkür.“
In diesen Worten spiegeln sich in ´Dichtung und Wahrheit´ die Eindrücke Johann
Wolfgang von Goethes wider, der als Kind das Erdbeben mit einer Stärke von 8.5
bis 9 und den Brand der Altstadt von Lissabon im Jahre 1755 aus der Distanz
erlebt hatte.
Diese Katastrophe hat damals Europa im Innersten bewegt und gezeigt, dass das
Leben etwas unbeschreiblich Wertvolles ist, welches im Handstreich genommen
werden kann. – Segen, Glück, Wohlstand und Insel – das kann das japanische Wort
Fukushima bedeuten; Tsunami setzt sich aus Hafen und Welle zusammen.
Was sich am 11. März 2011 in Japan ereignete, lässt sich kaum noch mit Worten
beschreiben. Die Natur demonstrierte, welche Energien ihr innewohnen und wie
wenig der Mensch verrichten kann, wenn die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und
Erde – von Menschen als ´beherrschbar´ betrachtet – nicht mehr beherrschbar
sind.
Die vier Elemente spielen auch in den Budo-Künsten eine bedeutende Rolle, denn
von ihnen gehen alle Charakteristika einer Kampfkunst aus. In einem zugleich
philosophischen aber auch technischen Sinn können sich die vier Elemente in
einer Kampfkunst und den Bewegungen derselben widerspiegeln: So stehen neben
´explosiven´ Bewegungen solche, die eher von ´fließender Natur´ sind; es wird
aber auch gerne von `Erdung´ (dem Stand) gesprochen oder von Bewegungen im
`Schwebezustand´.
Diese vier ´Elemente´ können in den einzelnen Kampfkünsten in Teilen oder in
Gänze enthalten sein; oftmals sind die Techniken von ihnen durchdrungen und die
vier ´Elemente´ werden je nach Notwendigkeit zum Bestandteil einer Phase in
einer Technik.
Die Teilnehmer des Traditionslehrgangs in Otterbach – viele von ihnen kamen aus
NRW und hatten sich auf der Hinfahrt den üblichen Halt am ´Moselblick´ gegönnt –
sollten auch in diesem Jahr wieder voll auf ihre Kosten kommen, denn die vier
Elemente waren bei allen eingeladenen Lehrern auf faszinierende Art und Weise
vertreten…
Harald Westrich (5. Dan Jiu Jitsu), der den 21. Internationalen Lehrgang in
Otterbach im Namen des ausrichtenden Zen Bogyo Do e.V. Otterbach eröffnete, ließ
es sich nicht nehmen, ein paar besinnliche Worte zum Unglück in Japan tags zuvor
neben das bereits aus vielen Jahren zuvor bekannte ´Willkommen in Otterbach´ zu
stellen. Harald Westrich fand geeignete Worte, die auszudrücken wussten, dass
Japan – das auch das Herkunftsland des Jiu Jitsu und zahlreicher weiterer
Budo-Künste ist – mit seinen Menschen von einer verheerenden Naturkatastrophe
getroffen worden ist. Diese Gedanke zog sich still und unauffällig aber dennoch
spürbar wie einer roter Faden durch das Lehrgangsgeschehen.



Auch in diesem Jahr waren wieder hochrangige Lehrer eingeladen worden: Josef
Djakovic (7. Dan Jiu Jitsu, 1. Vorsitzender von DJJB und KID) und Dieter Mäß
(7. Dan Jiu Jitsu) konnten die Lehrgangsteilnehmer in ihren Bann ziehen.
Achim Hanke (7. Dan Ju Jutsu), Andreas Güttner (5. Dan Ju Jutsu Do) und
Sascha Uvira (Ninjutsu) ließen wertvolle und fesselnde Einblicke in ihre
Kampfkunst zu, sodass jeder Techniken, Impulse und neue Ideen mit ins
Heimdojo nehmen konnte.
Nach einem intensiven Aufwärmtraining von Andreas Güttner übten die
Lehrgangsteilnehmer am Samstag in freundschaftlicher Atmosphäre in ihren
nach Gürtelgraden unterteilten Gruppen. Josef Djakovic hatte Wandabwehren
und Techniken in und aus der Bodenlage in den Mittelpunkt seines Lehrens
gestellt.
Er zeigte den Teilnehmern realistische Abwehrtechniken gegen die
verschiedenen Angriffsmöglichkeiten und ging dabei besonders auf die Details
ein. Dieter Mäß demonstrierte Abwehren gegen mehrere Angreifer und Techniken
gegen Körperangriffe. Achim Hanke vermittelte Techniken im Übergang vom
Stand zum Boden und erklärte den Übergang von einer Festlegetechnik zur
nächsten. Andreas Güttner konzentrierte sich in seinen Lehreinheiten auf
Befreiungen aus Umklammerungen, wobei Sascha Uvira vor allem verschiedene
Verteidigungstechniken unter Zuhilfenahme von Gegenständen thematisierte.
Die Stunden des ersten Lehrgangstages wurden von kurzem Pausen unterbrochen
und vergingen wie im Flug.


Irgendwie spürte man während des Lehrgangs auch die Präsenz von Dieter
Lösgen (10. Dan Jiu Jitsu, Bundestrainer und Präsident von DJJB und KID),
der ´Otterbach´ maßgeblich mit geprägt hat… Wie jedes Jahr gab es im
Anschluss an das Training das Abendbuffet im Foyer des Dojos. Zu essen gab
es alles, was das Herz bzw. der Magen des Sportlers nach einem anstrengenden
Tag auf der Matte begehrte. Nach einem kleinen Umbau ging es dann gegen
21.00 Uhr mit der Lehrgangsfete weiter, auf der die Budoka ihre tänzerischen
Fähigkeiten unter Beweis stellen konnten.
Am Sonntag um 09.00 Uhr begann auf der Matte nach einem kurzen Aufwärmen der
zweite Lehrgangstag. Andreas Güttner brachte die Teilnehmer wie schon am
Vortrag mit abwechslungsreichen Sportspielen auf Temperatur. Was am Samstag
gelernt werden konnte, wurde am Sonntag in den Stunden des Trainings noch
einmal vertieft.
Der Lehrgang in Otterbach endete am Sonntag um 13.00 Uhr mit der
Verabschiedung der Budoka, einer abschließenden Verbeugung und einem
kräftigen Applaus für die Lehrer, denen als besonderes Dankeschön eine
humorvolle und ´budogemäße Karikatur´ (Portrait) ihrer selbst überreicht
wurde. In Erinnerung bleiben nicht nur die vielen gezeigten und erlernten
Techniken, sondern auch die angenehme Atmosphäre und eine Menge Freude, die
der Lehrgang den Teilnehmern brachte.
Geblieben ist auch der Eindruck, dass alles, was man hat, sehr wertvoll ist
– sei es das Leben, Hab und Gut oder Freunde und wertvolle Menschen. Vielen
Dank für den gelungenen Lehrgang an die Referenten Josef Djakovic, Dieter
Mäß, Achim Hanke, Andreas Güttner und Sascha Uvira. Ein ganz besonderer Dank
geht an das Team vom Zen-Bogyo-Do e.V. Otterbach, die diesen ´elementar
wichtigen´ Lehrgang zum 21. Mal ausgerichtet haben. Bis zum nächsten
Lehrgang in Otterbach...
Text: Karoline Seck
Bilder: Harald Westrich, Katrin Scharding, Andreas Dolny, Volker Schwarz