20. Internationale Meisterschaften der United Nations of Ju Jitsu in New York City/USA vom 25. – 28. August 2011 – Hurrikan Irene zwang zur Absage

New York hat in seiner jahrhundertealten und ebenso turbulenten Geschichte, die von vielen Europäern von Giovanni da Verrazano über Henry Hudson bis Petrus Stuyvesant mit gestaltet wurde, immer wieder Höhen und Tiefen erlebt.
Spätestens seit den 70er-Jahren und dem Einsatz in Manhattan, bei dem der Gangsterjäger Telly Savalas alias Lieutenant Theo Kojak die bösen Buben New Yorks das Fürchten lehrte, hat die Welt über Kino und Fernsehen einen Eindruck von New York City (NYC) und seinen riesenhaften Ausmaßen erhalten können.
The Big Apple – wie die Achtmillionen-Metropole und größte Stadt der USA auch genannt wird – sollte auch der Austragungsort für die diesjährigen 20. Internationalen Meisterschaften der United Nations of Ju Jitsu (UNJJ) werden. Die einzigartige Stadt, die Frank Sinatra liebevoll in seinem gleichnamigen Song besingt, ist zehn Jahre nach den furchtbaren Terroranschlägen vom 11. September 2001 sicherlich eine lebenswerte Stadt – (…) „die niemals schläft“ (…) – wie Frank Sinatra, der Sohn italienischer Auswanderer, feststellt.
An Stelle des im Jahre 2001 durch Terroristen zerstörten World Trade Centers wird voraussichtlich ab 2013 das One World Trade Center über New York City gemeinsam mit Lady Liberty, der Freiheitsstatue, wachen – auch ein Zeichen, dass sich die Menschen in Freiheit näher kommen wollen, ob in kultureller, wirtschaftlicher oder sportlicher Hinsicht.

Die Weltmeisterschaften der UNJJ in New York, welche ursprünglich im Stadtbezirk Manhattan ausgerichtet werden sollten, mussten in diesem Jahr erstmals ohne jegliche Alternative abgesagt werden, da aufgrund des bevorstehenden Hurrikans Irene, der mit Wucht über New York City hinweg zog, die Sportstätten auf Anordnung der Behörden geschlossen wurden und sämtlicher Nahverkehr ab 12.00 Uhr Sonntagmittag (New Yorker Ortszeit) als eingestellt galt.
Sowohl die europäischen als auch die amerikanischen Medien haben es nicht vermocht, in dieser Situation die Gemüter zu beruhigen. Bei den Daheimgebliebenen stellte sich alsbald Sorge ein, dass die ´New Yorker´ möglicherweise in Gefahr sein könnten, doch dank moderner Medien konnten diese Befürchtungen per Mausklick beseitigt werden.
Hurrikan Irene machte somit einen Strich durch die Medaillenhoffnungen der Jiu-Jitsuka des DJJB, welche die lange Reise über den Großen Teich angetreten hatten. Welche Ausmaße der Hurrikan Irene hätte annehmen können, zeigt, welche Vorsichtsmaßnahmen ergriffen worden sind: Barack Obama selbst hatte die Notstandserklärung für New York unterschrieben und New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg hatte die Evakuierung von über 300.000 Bewohnern an der Südspitze Manhattans und auf Coney Island angeordnet. Zum ersten Mal in der Geschichte New Yorks wurde ab Samstagmittag (27. August 2011 New Yorker Ortszeit) der gesamte U-Bahn- und Busverkehr wegen des Hurrikans Irene eingestellt.

  

Die Situation verschärfte sich noch, als am Samstagabend alle ab 22.00 Uhr in den Hotelzimmern bleiben mussten, die Fahrstühle abgestellt wurden und der Hotelmanager mit ernster Stimme über Lautsprecher in allen Fluren Sicherheitsdurchsagen machte. Bald darauf wurden per Infoblatt Sicherheitsmaßnahmen bekannt gegeben; im zweiten Stock wurde ein Sicherheitsraum bereit gestellt.
Als Irene sich zurückzog, waren die angereisten Teilnehmer gemeinsam mit den New Yorkern froh, dass es nicht zu weitaus größeren Schäden gekommen ist. Bundestrainer Dieter Lösgen unterstützte die Entscheidung des amerikanischen Verbandes, der sich konsequenterweise in seinem Vorgehen anschloss: „Der Veranstalter der Meisterschaften (der Weltverband United Nations of Ju Jitsu) hatte keine andere Möglichkeit, die Sicherheit der vielen Hundert Athleten aus aller Welt zu gewährleisten.“ Darüber hinaus war es zu gefährlich für die Athleten, sich draußen im Freien während des Sturms aufzuhalten, geschweige denn zum Dojo zu gelangen. Die festen Mauern des Hotels boten noch den besten Schutz vor dem keineswegs friedlichen Sturm.
Möglichkeiten, die 20. Internationalen Meisterschaften der UNJJ am Montag oder einem anderen Tag der kommenden Woche durchzuführen, gab es nicht. Irene ist in der altgriechischen Mythologie die Friedensgöttin, die sich hier allerdings keineswegs friedfertig verhalten hat. – Und somit zeigte sich, dass die Welt im 21. Jahrhundert oftmals nicht allzu weit von der Welt der Antike, in der Götter und höhere Mächte ihr Spiel mit den Menschen trieben, entfernt ist. Im Gegensatz zu früheren Zeiten wissen wir heutzutage, welchen Einfluss die gewaltigen Naturkräfte auf uns Menschen und unser Leben haben können, und können uns folglich manchmal darauf einstellen. Geschieht dies durch verantwortungsvolles Handeln, werden Menschenleben gerettet, jedoch ist der Verzicht auf etwas Langersehntes schmerzlich. Die Entscheidung ´Sicherheit geht vor´ war die richtige Wahl.
Der Weltverband UNJJ, der sich nunmehr seit 20 Jahren der Verbreitung und Pflege des Jiu Jitsu (Ju Jitsu) verpflichtet sieht, hat vor Ort trotz der widrigen Umstände und angesichts der nicht stattgefundenen Meisterschaften dennoch einen wichtigen – und nicht nur symbolischen – Beitrag zur weltweiten Verständigung von Menschen über Grenzen hinweg geleistet. Und so wie der Nacht in der einen Welt der Tag folgt, gibt es ein Morgen, die nächste Woche und das nächste Jahr…

Am Montagabend (29. August New Yorker Ortszeit) hatte sich die Situation beruhigt und es konnte doch noch das obligatorische Galadinner auf einem alten Feuerwehrschiff veranstaltet werden.
Welche Symbolik! Angesichts der Ereignisse hatten sich die Teilnehmer mittlerweile mit der abgesagten Weltmeisterschaft abgefunden und konnten ihre internationalen Freundschaften pflegen.
Die Ereignisse der vergangenen Tage werden sich für die Zukunft auf ihre ganz eigene Art und Weise einprägen. Jiu Jitsu beschränkt sich eben nicht nur auf die Matte, sondern es schließt die Welt abseits der Matte mit ein. Diese alte japanische Kampfkunst ist in Jahrhunderten gewachsen. Die Aufgabe aller Übenden ist ihre gewissenhafte Verbreitung und Pflege. Das Stichwort lautet Kontinuität. Das schließt die jährlich stattfindenden Internationalen Meisterschaften der UNJJ mit ein.

Bundestrainer Dieter Lösgen (10. Dan Jiu Jitsu) hatte beim Welcome Meeting aller Athleten das UNJJ-Banner erhalten, da die nächsten Internationalen Meisterschaften der UNJJ in Deutschland stattfinden werden, und zwar im Jahre 2012, wenn die Kämpferinnen und Kämpfer gemäß dem Motto Aufgeschoben ist nicht aufgehoben! in den zahlreichen Wettkampfkategorien antreten werden, um sich in fairem Wettkampf zu messen. Deutschland – und damit auch der Deutsche Jiu Jitsu Bund als Ausrichter dieser 21. Internationalen Meisterschaften der UNJJ – freut sich gemeinsam mit den Athleten aus den Teilnehmernationen der UNJJ auf ´2012´. Das Leben ist eben eine manchmal unergründliche Kette von Erfahrungen. Hier heißt sie vielleicht: „If I can make it there, I´ll make it anywhere…“ (Frank Sinatra: New York, New York)

Text: Karoline Seck, Volker Schwarz, Andreas Dolny
Bilder: Karoline und Rainer W. Seck