New York hat in seiner jahrhundertealten und ebenso turbulenten Geschichte, die
von vielen Europäern von Giovanni da Verrazano über Henry Hudson bis Petrus
Stuyvesant mit gestaltet wurde, immer wieder Höhen und Tiefen erlebt.
Spätestens seit den 70er-Jahren und dem Einsatz in Manhattan, bei dem der
Gangsterjäger Telly Savalas alias Lieutenant Theo Kojak die bösen Buben New
Yorks das Fürchten lehrte, hat die Welt über Kino und Fernsehen einen Eindruck
von New York City (NYC) und seinen riesenhaften Ausmaßen erhalten können.
The Big Apple – wie die Achtmillionen-Metropole und größte Stadt der USA auch
genannt wird – sollte auch der Austragungsort für die diesjährigen 20.
Internationalen Meisterschaften der
United Nations of Ju Jitsu
(UNJJ) werden. Die einzigartige Stadt, die Frank Sinatra liebevoll in seinem
gleichnamigen Song besingt, ist zehn Jahre nach den furchtbaren Terroranschlägen
vom 11. September 2001 sicherlich eine lebenswerte Stadt – (…) „die niemals
schläft“ (…) – wie Frank Sinatra, der Sohn italienischer Auswanderer,
feststellt.
An Stelle des im Jahre 2001 durch Terroristen zerstörten World Trade Centers
wird voraussichtlich ab 2013 das One World Trade Center über New York City
gemeinsam mit Lady Liberty, der Freiheitsstatue, wachen – auch ein Zeichen, dass
sich die Menschen in Freiheit näher kommen wollen, ob in kultureller,
wirtschaftlicher oder sportlicher Hinsicht.




Die Weltmeisterschaften der UNJJ in New York, welche ursprünglich im
Stadtbezirk Manhattan ausgerichtet werden sollten, mussten in diesem Jahr
erstmals ohne jegliche Alternative abgesagt werden, da aufgrund des
bevorstehenden Hurrikans Irene, der mit Wucht über New York City hinweg zog,
die Sportstätten auf Anordnung der Behörden geschlossen wurden und
sämtlicher Nahverkehr ab 12.00 Uhr Sonntagmittag (New Yorker Ortszeit) als
eingestellt galt.
Sowohl die europäischen als auch die amerikanischen Medien haben es nicht
vermocht, in dieser Situation die Gemüter zu beruhigen. Bei den
Daheimgebliebenen stellte sich alsbald Sorge ein, dass die ´New Yorker´
möglicherweise in Gefahr sein könnten, doch dank moderner Medien konnten
diese Befürchtungen per Mausklick beseitigt werden.
Hurrikan Irene machte somit einen Strich durch die Medaillenhoffnungen
der Jiu-Jitsuka des DJJB, welche die lange Reise über den Großen Teich
angetreten hatten. Welche Ausmaße der Hurrikan Irene hätte annehmen können,
zeigt, welche Vorsichtsmaßnahmen ergriffen worden sind: Barack Obama selbst
hatte die Notstandserklärung für New York unterschrieben und New Yorks
Bürgermeister Michael Bloomberg hatte die Evakuierung von über 300.000
Bewohnern an der Südspitze Manhattans und auf Coney Island angeordnet. Zum
ersten Mal in der Geschichte New Yorks wurde ab Samstagmittag (27. August
2011 New Yorker Ortszeit) der gesamte U-Bahn- und Busverkehr wegen des
Hurrikans Irene eingestellt.



Die Situation verschärfte sich noch, als am Samstagabend alle ab 22.00 Uhr
in den Hotelzimmern bleiben mussten, die Fahrstühle abgestellt wurden und
der Hotelmanager mit ernster Stimme über Lautsprecher in allen Fluren
Sicherheitsdurchsagen machte. Bald darauf wurden per Infoblatt
Sicherheitsmaßnahmen bekannt gegeben; im zweiten Stock wurde ein
Sicherheitsraum bereit gestellt.
Als Irene sich zurückzog, waren die angereisten Teilnehmer gemeinsam mit den
New Yorkern froh, dass es nicht zu weitaus größeren Schäden gekommen ist.
Bundestrainer Dieter Lösgen unterstützte die Entscheidung des amerikanischen
Verbandes, der sich konsequenterweise in seinem Vorgehen anschloss: „Der
Veranstalter der Meisterschaften (der Weltverband United Nations of Ju
Jitsu) hatte keine andere Möglichkeit, die Sicherheit der vielen Hundert
Athleten aus aller Welt zu gewährleisten.“ Darüber hinaus war es zu
gefährlich für die Athleten, sich draußen im Freien während des Sturms
aufzuhalten, geschweige denn zum Dojo zu gelangen. Die festen Mauern des
Hotels boten noch den besten Schutz vor dem keineswegs friedlichen Sturm.
Möglichkeiten, die 20. Internationalen Meisterschaften der UNJJ am Montag
oder einem anderen Tag der kommenden Woche durchzuführen, gab es nicht.
Irene ist in der altgriechischen Mythologie die Friedensgöttin, die sich
hier allerdings keineswegs friedfertig verhalten hat. – Und somit zeigte
sich, dass die Welt im 21. Jahrhundert oftmals nicht allzu weit von der Welt
der Antike, in der Götter und höhere Mächte ihr Spiel mit den Menschen
trieben, entfernt ist. Im Gegensatz zu früheren Zeiten wissen wir
heutzutage, welchen Einfluss die gewaltigen Naturkräfte auf uns Menschen und
unser Leben haben können, und können uns folglich manchmal darauf
einstellen. Geschieht dies durch verantwortungsvolles Handeln, werden
Menschenleben gerettet, jedoch ist der Verzicht auf etwas Langersehntes
schmerzlich. Die Entscheidung ´Sicherheit geht vor´ war die richtige Wahl.
Der Weltverband UNJJ, der sich nunmehr seit 20 Jahren der Verbreitung und
Pflege des Jiu Jitsu (Ju Jitsu) verpflichtet sieht, hat vor Ort trotz der
widrigen Umstände und angesichts der nicht stattgefundenen Meisterschaften
dennoch einen wichtigen – und nicht nur symbolischen – Beitrag zur
weltweiten Verständigung von Menschen über Grenzen hinweg geleistet. Und so
wie der Nacht in der einen Welt der Tag folgt, gibt es ein Morgen, die
nächste Woche und das nächste Jahr…

Am Montagabend (29. August New Yorker Ortszeit) hatte sich die Situation
beruhigt und es konnte doch noch das obligatorische Galadinner auf einem
alten Feuerwehrschiff veranstaltet werden.
Welche Symbolik! Angesichts der Ereignisse hatten sich die Teilnehmer
mittlerweile mit der abgesagten Weltmeisterschaft abgefunden und konnten
ihre internationalen Freundschaften pflegen.
Die Ereignisse der vergangenen Tage werden sich für die Zukunft auf ihre
ganz eigene Art und Weise einprägen. Jiu Jitsu beschränkt sich eben nicht
nur auf die Matte, sondern es schließt die Welt abseits der Matte mit ein.
Diese alte japanische Kampfkunst ist in Jahrhunderten gewachsen. Die Aufgabe
aller Übenden ist ihre gewissenhafte Verbreitung und Pflege. Das Stichwort
lautet Kontinuität. Das schließt die jährlich stattfindenden
Internationalen
Meisterschaften der UNJJ mit ein.

Bundestrainer Dieter Lösgen (10. Dan Jiu Jitsu) hatte beim Welcome Meeting aller Athleten das UNJJ-Banner erhalten, da die nächsten Internationalen Meisterschaften der UNJJ in Deutschland stattfinden werden, und zwar im Jahre 2012, wenn die Kämpferinnen und Kämpfer gemäß dem Motto Aufgeschoben ist nicht aufgehoben! in den zahlreichen Wettkampfkategorien antreten werden, um sich in fairem Wettkampf zu messen. Deutschland – und damit auch der Deutsche Jiu Jitsu Bund als Ausrichter dieser 21. Internationalen Meisterschaften der UNJJ – freut sich gemeinsam mit den Athleten aus den Teilnehmernationen der UNJJ auf ´2012´. Das Leben ist eben eine manchmal unergründliche Kette von Erfahrungen. Hier heißt sie vielleicht: „If I can make it there, I´ll make it anywhere…“ (Frank Sinatra: New York, New York)
Text: Karoline Seck, Volker Schwarz, Andreas Dolny
Bilder: Karoline und Rainer W. Seck