Deutscher Jiu Jitsu Bund

Auf der Fahrt vom Ruhrgebiet nach Karlsruhe kommt man über die A67 an der Ausfahrt vorbei, die über die Nibelungenstraße zur Torhalle von Lorsch führt. Es ist schon länger her, dass wir auf der Reise vom Ruhrgebiet in den Süden hier Halt gemacht haben, um bewusst am Beispiel der Torhalle von Lorsch einen Blick auf das noch existierende architektonische und kulturelle Erbe vergangener Zeiten auf deutschem Boden zu werfen. Schon beim Vorbeirauschen mit Blick auf Effektivität und Zeitplan wurde klar, dass man besser hier eine Pause hätte einrichten sollen, denn es ist vor allem für den Budoka im Sinne des Zanshin (Wachsamkeit, Verharren im Jetzt…) faszinierend zu sehen, wie die Geschichte der Torhalle in Lorsch und der moderne Sportgeist der 13. Deutschen Meisterschaften im Jiu Jitsu eine unerwartete Brücke schlagen: Beide stehen für das Streben nach technischer Perfektion, Disziplin und der Bewahrung von Werten über lange Zeiträume hinweg.
Die Torhalle ist ein lebendes Symbol der Karolingischen Renaissance – ein Versuch, die verloren geglaubte Ordnung und Ästhetik der Antike wiederzubeleben. In ähnlicher Weise verbindet der Deutsche Jiu Jitsu Bund in seinem Wettkampf die Tradition der alten Kampfkunst (Budo) mit modernen sportlichen Standards.
 

So nutzt Lorsch Architektur, um eine Verbindung zur Geschichte herzustellen, während die DJJB-Meisterschaft Disziplinen wie die Kata mit ihren festgelegten Formen nutzt, um die historisch gewachsene Technik des Jiu Jitsu im modernen Wettkampf lebendig, aktuell und effektiv zu halten. So wie die Torhalle durch ihre präzise Gestaltung und Form besticht, war auch die DM 2026 von einer strengen Struktur geprägt: Die Einteilung in Alters- und Gewichtsklassen sorgt für die gleiche Symmetrie und Fairness im sportlichen Vergleich, wie sie die harmonischen Proportionen der Torhalle in der Architektur ausstrahlen. Sie bildet für beide auch die grundlegende Statik und Legitimation.
Die Ausrichtung durch Achim Wiemer (5. Dan Jiu Jitsu, Cheflehrer Kishido Turnverein-Hochstetten 1904 e.V.) und die Eröffnung durch Präsident Josef Djaković (9. Dan Jiu Jitsu, Präsident KID/DJJB) spiegeln die gesunde hierarchische und organisatorische Meisterschaft wider, die schon im Mittelalter für den Bau eines solchen UNESCO-Welterbes nötig war. Die Torhalle diente vermutlich als Empfangshalle für Kaiser und Könige – ein Ort der Repräsentation. Linkenheim-Hochstetten bei Karlsruhe wurde am Wochenende vom 9./10. Mai 2026 zu diesem freundlichen und modernen „Empfangsort“ für Athleten aus ganz Deutschland.
 

Die Realschulsporthalle übernahm die Rolle der „Halle“, in der Talente (wie einst die Gelehrten und Herrscher in Lorsch) zusammenkamen, um ihr Können unter Beweis zu stellen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und manifestiert sich immer in den gewonnenen Medaillen. (Medaillenspiegel siehe http://DM2026.DJJB.de) Die Torhalle hat über 1.200 Jahre überdauert, Kriege und Brände überstanden und wird nun für die Zukunft bewahrt. Der DJJB führt diese Tradition der Beständigkeit fort: Seit 1998 finden die Wettkämpfe alle zwei Jahre statt, und der Blick richtet sich bereits heute auf die 14. Meisterschaften 2028 in Mülheim an der Ruhr.
 

Fazit: Ob es die fähigen Steinmetze des 9. Jahrhunderts waren, die die Torhalle schufen, oder die Jiu Jitsuka von heute, die zum Beispiel in der Disziplin Random Attack oder im Bodenkampf auf der Tatami glänzen – beide eint das Ideal, durch den Willen zu höchster Präzision und Technik etwas Bleibendes und Bewundernswertes für die Gegenwart und Nachwelt zu schaffen.
Was noch zu bemerken bleibt, ist, dass der Besuch der Torhalle als UNESCO-Welterbe unabhängig von der Fahrtrichtung immer eine Gelegenheit darstellt, innezuhalten und mit wachen Augen seine Schönheit und Bedeutsamkeit zu erkennen – ein leiser Appell, nicht einfach an einer architektonischen Schönheit unter Zeitdruck vorbeizueilen, sondern einfach für einen Moment Zanshin walten zu lassen. Denn wer an der Torhalle in Lorsch vorbeieilt, ohne sie in ihrer Gestalt zu sehen, kämpft vielleicht auch auf der Matte, ohne den Geist des Budo in sich zu spüren. Wahre Meisterschaft beginnt in dem Moment, in dem wir alle den Zeitdruck überwinden und Zanshin mit seiner Schönheit und Disziplin erkennen. Wir geloben Besserung...
 

Text: Andreas Dolny & Volker Schwarz
Bilder: Swetlana Eckel, DJJB